Jetzt muss ich mich auch mal äussern. Und diesmal sogar ernsthaft.
Der Stammtisch wird wieder modern. Und wegen kollektiver Springer-Hetze, Wirtschaftswissenschaften-Versager und popligen Nutzlosparteien wie FDP und CSU kreist das Gespenst des chauvinistischen Michels über aller Dächern. Jede/r unkundige Franz, Fritz und Lieselotte weiß auf einmal ganz genau, wie das so in der Volkswirtschaft läuft. Und vor allem wissen sie eines ganz genau, sie sind die Dummen. Das möchte ich, was das intellektuelle betrifft, nicht absprechen, aber euro-wirtschaftlich gesehen ist das einfach falsch. Die Dummen, denen man ständig das Geld aus der Tasche zieht bzw. erst gar nicht reinsteckt, sind sie nämlich seit Jahren im eigenen Land. Unter dem nebulösen Begriff “Wettbewerbsfähigkeit” lassen sie sich seit Jahren alles gefallen und mucken nicht auf. Sinkende Reallöhne, stagnierende Renten, Ausbau Niedriglohnsektor und der Leiharbeit, Rationalisierungen mit Massenentlassungen, Kürzung in allen Bereichen des Sozailstaats und der Gesundheit. Da werden die obersten Repräsentanten dieser Maßnahmen sogar noch gewählt.
Aber jetzt, der Grieche, der faule Helene. Der nur Urlaub macht. Wo eigentlich? Der nur 3 Stunden am Tag arbeitet. Wer bedient denn den Michel in seinem Urlaub und kippt Ouzo nach? Der über seine Verhältnisse lebt. Wo kommen denn die Maschinen, Autos, Waffen her die er so einkauft und damit finaziell versorgt?
Es ist eine Anmaßung sondergleichen, vom deutschen Roß hämisch nach Athen zu pöbeln, wenn UNSERE Volkswirtschaft (insbesondere Unternehmen) eigentlich davon profitieren, wenn die da unten Schulden machen (müssen). Wir können unsere Absätze steigern, weil die Arbeit bei uns billiger geworden ist, damit die Produkte verkauft werden können, die man woanders braucht. Deutschland kitzelt den eigenen inneren Frieden, die Sozialstaatlichkeit, damit die hiesigen Firmen in aller Welt Profit machen können.
Damit man ihre Produkte bezahlen kann braucht man Geld. Mal ne ganz einfache Rechnung. Der Grieche Kostas braucht ein Auto um 40 km zur Arbeit zu kommen. Er geht zur Bank und nimmt einen Kredit dafür auf. Geht zum Händler und kauft einen deutschen VW Golf. Weil die Bank jetzt etwas weinger Geld hat, das hat ja jetzt der Kostas, holt sie es sich bei der griechischen Nationalbank. Die wiederrum bei der Europäischen Zentralbank. Sprung nach Deutschland. Karl-Heinz ist 25 und hört immer wieder, “du bekommst eh keine Rente mehr”. Dann geht er zum Ingo, seinem Bankberater, und lässt sich zu einer kapitalgedeckten, privaten Rentenversicherung überreden. Er zahlt der Bank vom Ingo im Monat 50€. Damit sich das Geld aber vermehrt, legt die Bank das an. Sie kauft jetzt zum Beispiel griechische Anleihen. Das heisst, die Bank stellt dem griechischen Staat Kapital gegen Zinsen zur Verfügung. Karl-Heinz müsste also daran gelegen sein, dass Griechenland das Geld wieder zurückzahlt. Sonst ist es nämlich weg. Mit dem Geld bezahlt Griechenland zum Beispiel Kostas Gehalt, denn der ist Beamter. Kostas zahlt fleissig seine Raten an seine Hausbank, die kann die Nationalbank bedienen und die wiederum die EZB. So weit so gut.
Jetzt kommt aber Sand ins Getriebe. Zum Beispiel verkaufen Griechenland und Deutschland irgendeine identische Ware. Die deutsche ist billiger, weil hier die Arbeit billiger ist. Die Griechen kaufen also die deutsche Ware und lassen die heimische liegen. Der griechische Produzent geht bankrott und es brechen Steuereinnahmen für den griechischen Staat weg. Kostas muss entlassen werden (das geht in Griechenland) weil kein Geld mehr für ihn da ist. Er kann seinen Kredit nicht mehr bedienen. Seine Hausbank schreibt den Verlust ab, die Nationalbank ebenso. Kostas ist aber nicht der Einzige, es geht vielen so. Der griechische Staat soll sparen. Das lässt Investoren aufhorchen. Sie sagen sich “mhhh, wenn da kein Geld da ist, können wir unser Zeug nicht verkaufen und vorher Geld leihen, wir gehen woanders hin.” Das heisst, die Einnahmen des griechischen Staates brechen vollkommen weg. Das Land wird auch für Investoren in Staatsanleihen vollkommen uninteressant, da der Staat die ja nicht bedienen kann, wenn er nichts einnimmt.
Der Staat braucht aber Geld um die öffentliche Ordnung zu gewährleisten. Und deshlab fragt er seine europäischen Verbündeten um Hilfe. Die, die ja davon profitiert haben durch ihre billige Ware, die quasi eine Mitschuld am Zusammenbruch haben, sagen aber: Hmmm, Hmmmm, Hmmmm….Mal sehn”. Die Lage verschlechtert sich. Dann kommt der Vorstoß: ” Ja, ihr bekommt was, wenn ihr weiter schön spart.” Das geht aber kaum noch, der innere Frieden ist auf dem Siedepunkt, die Leute gehen auf die Strassen und streiken. Ihre Angst sorgt somit dafür, dass noch weniger eingenommen wird, weil ja der Produktionsprozeß still steht. Die Regierung verspricht, trotzdem zu sparen und legt sich mit dem Volk an. Es eskaliert. In Deutschland bekommt man das mit und ist empört, weil die ja nur Krawall machen und nicht arbeiten gehen. Hier ist ja kuschelig im 400€ Fulltime-Job. Man beginnt zu lästern und sich aufzuregen. Hetzkampagnen laufen an. Der Populismus nimmt Fahrt auf. Und Karl-Heinz, glühender BILD-Leser, ist ganz vorn dabei.
Was Karl-Heinz nicht weiß, seine zukünftige private Rente ist in Gefahr. Wenn der griechische Staat nicht läuft, sind die Anleihen seiner Hausbank futsch. So weit denkt Karl-Heinz aber nicht und mit ihm, laut heutiger Presseschau, 82% der anderen Karl-Heinze in Deutschland auch. Die fordern den Rausschmiss (der ist rechtlich nicht möglich) und/oder Insolvenz Griechenlands.
Sie fordern nicht anderes, als dass man ihnen ihr Geld verbrennt. Und nicht das was man ihnen rausgezogen hat, sondern jenes, was sie später mal reinstecken wollten.